Seit 2021 überweist Deutschland jedes Jahr gut eine Milliarde Euro nach Brüssel, weil hierzulande zu viel Plastikverpackung nicht recycelt wird. Bezahlt wird das bisher aus dem allgemeinen Haushalt, also von allen Steuerzahlern gleich, egal wie viel Verpackung sie verursachen. Ab Juli 2027 soll sich das ändern: Eine neue Kunststoffverpackungsteuer von 550 Euro je Tonne soll das Geld dort holen, wo das Plastik in Umlauf kommt.
Das klingt nach Verursacherprinzip, und das ist es teilweise auch. Gleichzeitig ist die Steuer erkennbar ein Haushaltsinstrument: Sie kommt im Paket mit der Zuckersteuer, höheren Tabak- und Alkoholsteuern und soll Lücken im Bundeshaushalt 2027 schließen. Dieser Artikel sortiert, was im Entwurf steht, was die Steuer konkret kostet und wo Kritiker aus ganz unterschiedlichen Richtungen ansetzen.
Was steht im Entwurf zur Plastiksteuer?
Die Koalitionsfraktionen von CDU/CSU und SPD haben einen Entwurf für ein Kunststoffverpackungsteuergesetz vorgelegt (Bearbeitungsstand 30. September 2026). Er soll nicht als eigenes Gesetz durchs Parlament, sondern per Änderungsantrag zum Haushaltsbegleitgesetz 2027 — das beschleunigt das Verfahren erheblich.
| Punkt | Entwurf (Stand Oktober 2026) |
|---|---|
| Steuersatz | 550 € je 1.000 kg Kunststoff (0,55 ct je Gramm) |
| Inkrafttreten | Gesetz zum 1. Januar 2027, Steuer für Vorgänge ab 1. Juli 2027 |
| Steuergegenstand | Kunststoffverpackungen, Folien, Verschlüsse, Deckel, Kapseln, Transportbehälter; Verbundverpackungen aus Papier, Pappe, Metall oder Textil ab 5 % Kunststoffanteil |
| Bemessung | Gewicht des enthaltenen Kunststoffs |
| Steuerschuldner | inländische Hersteller, gewerbliche Bezieher aus anderen EU-Staaten, Versandhändler, bei Einfuhr aus Drittstaaten der Zollschuldner |
| Verwaltung | Zoll; Anzeigepflicht und monatliche Steueranmeldung |
| Entlastungen | Rezyklatanteil auf Antrag (erst nach Rechtsverordnung), Ausfuhr; unentgeltliche Weitergabe unter Privatpersonen |
| Aufkommen | rund 805 Mio. € im zweiten Halbjahr 2027, ab 2028 rund 1,5 Mrd. € jährlich |
Die 5-%-Grenze für Verbundverpackungen lehnt sich an die neue EU-Verpackungsverordnung (Verordnung (EU) 2025/40) an. Eine beschichtete Papiertüte oder ein Getränkekarton mit Kunststoffschicht kann damit steuerpflichtig werden — besteuert wird aber nur das Gewicht des Kunststoffanteils, nicht das ganze Packstück.
Rechtlich ist die Abgabe eine Verbrauchsteuer des Bundes, wie die Kaffeesteuer oder die Stromsteuer. Das Aufkommen fließt in den allgemeinen Haushalt, eine Zweckbindung gibt es nicht.
Was kostet die Plastiksteuer pro Verpackung?
Pro Stück ist die Steuer klein. Die folgenden Werte sind eigene Rechnungen mit typischen Verpackungsgewichten — einzelne Produkte können deutlich abweichen:
| Verpackung | Kunststoff (ca.) | Steuer |
|---|---|---|
| Joghurtbecher 150 g, mit Deckel | 5 g | 0,3 ct |
| Obstschale mit Folie | 15 g | 0,8 ct |
| PET-Einwegflasche 1,5 l | 30 g | 1,7 ct |
| Kanister 5 l (Reinigungsmittel) | 200 g | 11 ct |
| Stretchfolie für eine Palette | 300 g | 16,5 ct |
Interessanter ist die Gesamtrechnung: Der Entwurf geht von rund drei Millionen Tonnen steuerpflichtigem Kunststoff im Jahr aus. Bei 550 €/t wären das gut 1,6 Mrd. €; der Bund kalkuliert etwas vorsichtiger mit rund 1,5 Mrd. €. Auf rund 83 Millionen Einwohner umgelegt sind das rund 18 € pro Kopf und Jahr. Wird die Steuer voll in die Preise weitergegeben, kommt die Umsatzsteuer obendrauf, weil sie auf den gestiegenen Preis berechnet wird.
Das ist für einzelne Haushalte wenig. Es ist aber auch zu wenig, um am Supermarktregal Kaufentscheidungen spürbar zu verändern — eine Lenkungswirkung, wenn es sie gibt, entsteht eher bei den Herstellern, für die sich Gramm-Einsparungen über Millionen Stück summieren.
Woher kommt die EU-Plastikabgabe?
Hintergrund ist eine Entscheidung auf EU-Ebene. Seit dem 1. Januar 2021 finanziert sich der EU-Haushalt unter anderem über eine Kunststoff-Eigenmittelquelle: Jeder Mitgliedstaat zahlt 0,80 € je Kilogramm nicht recycelter Kunststoffverpackungsabfälle. Für Deutschland sind das rund 1,3 bis 1,4 Mrd. € im Jahr.
Wie die Staaten das Geld aufbringen, ist ihre Sache. Deutschland hat es bisher aus dem allgemeinen Haushalt bezahlt. Andere Staaten haben eigene Steuern eingeführt, die das Geld bei der Verpackungswirtschaft holen.
Weil die Begriffe ständig durcheinandergehen, hier die Abgrenzung der vier Instrumente, die mit Kunststoffverpackungen zu tun haben:
| Instrument | Wer zahlt | Bemessung | Wohin fließt das Geld |
|---|---|---|---|
| EU-Plastikabgabe (seit 2021) | Bundesrepublik | 0,80 €/kg nicht recycelter Abfall | EU-Haushalt |
| Kunststoffverpackungsteuer (geplant ab 07/2027) | Hersteller, Importeure, EU-Bezieher | 0,55 €/kg in Verkehr gebrachter Kunststoff | Bundeshaushalt |
| Einwegkunststofffonds (EWKFondsG) | Hersteller bestimmter Einwegprodukte (z. B. To-go-Becher, Tüten, Zigarettenfilter) | Menge je Produktart | Fonds beim Umweltbundesamt, für kommunale Reinigungskosten |
| Lizenzentgelte (Verpackungsgesetz) | Inverkehrbringer verpackter Ware | Material und Gewicht | duale Systeme, für Sammlung und Sortierung |
Die beiden Sätze messen Verschiedenes und dürfen nicht direkt verglichen werden: Die EU berechnet ihre 0,80 € nur auf den nicht recycelten Teil der Abfälle, die nationale Steuer ihre 0,55 € auf sämtlichen Kunststoff, der in Verpackungen in Umlauf kommt — recycelt oder nicht. Dass beide Rechnungen ähnliche Summen ergeben, ist kein Zufall: Die Steuer ist erkennbar so bemessen, dass sie die Brüsseler Zahlung ungefähr gegenfinanziert.
Wie machen es andere Länder?
| Land | Modell | Satz (Stand 2026) |
|---|---|---|
| Großbritannien | Plastic Packaging Tax seit April 2022, nur auf Verpackungen mit weniger als 30 % Rezyklat | rund 229 £ je Tonne |
| Spanien | Steuer auf nicht wiederverwendbare Kunststoffverpackungen seit 2023, nur auf den nicht recycelten Anteil | 0,45 € je kg |
| Italien | Plastiksteuer seit 2020 beschlossen, Start mehrfach verschoben | 0,45 € je kg |
| Deutschland (Entwurf) | alle Kunststoffverpackungen, Rezyklat-Entlastung erst nach Verordnung | 0,55 € je kg |
Der deutsche Satz liegt über dem spanischen und italienischen. Der wichtigere Unterschied steckt aber in der Bemessung: Großbritannien und Spanien setzen ausdrücklich einen Anreiz für Rezyklat — wer recyceltes Material einsetzt, zahlt weniger oder gar nichts. Der deutsche Entwurf sieht das zwar vor, lässt den Starttermin aber offen.
Was spricht für die Plastiksteuer?
Verursacherprinzip statt Steuerzahlerhaftung. Bisher zahlt die Allgemeinheit die EU-Abgabe, unabhängig davon, wer Verpackung verursacht. Mit der Steuer wird die Belastung dorthin verlagert, wo Kunststoff in Umlauf kommt. Wer wenig verpackte Ware kauft, zahlt weniger.
Anreiz bei den Herstellern. Bei Einzelpreisen im Zehntelcent-Bereich reagieren Verbraucher kaum. Für Hersteller, die Hunderte Millionen Verpackungen im Jahr ausliefern, lohnt sich dagegen jedes eingesparte Gramm. Die britische Erfahrung mit der Zuckersteuer zeigt, dass Lenkungssteuern vor allem über diesen Kanal wirken können.
Haushaltsrealismus. Der Bund braucht 2027 Geld. Eine Steuer, deren Aufkommen einer bereits bestehenden Zahlungspflicht gegenübersteht, ist politisch leichter zu begründen als eine Kürzung oder eine Steuer ohne sachlichen Anknüpfungspunkt.
Was spricht gegen die Plastiksteuer?
Kein Recycling-Anreiz zum Start. Der härteste Einwand kommt nicht von der Kunststoffindustrie, sondern aus der Recyclingbranche: Solange die Rezyklat-Verordnung fehlt, kostet recycelter Kunststoff genauso viel Steuer wie Neuware. Die EU-Abgabe bestraft aber gerade den nicht recycelten Teil. Eine Steuer, die Rezyklat und Neuware gleich behandelt, setzt also am falschen Punkt an — Recyclingverbände halten sie deshalb für den falschen Hebel.
Mehrweg wird mitbesteuert. Plastik-Mehrwegflaschen, Getränkekisten und Transportboxen fallen nach dem Entwurf grundsätzlich unter die Steuer. Das widerspricht dem Ziel, Mehrwegsysteme zu stärken, das sich gleichzeitig im Verpackungsgesetz findet. Wie stark das ins Gewicht fällt, hängt davon ab, wie oft ein Mehrwegbehälter umläuft — die Steuer fällt nur einmal bei der Herstellung an.
Ausweichen auf schwerere Materialien. Wenn Kunststoff teurer wird, weichen Hersteller auf Glas, Aluminium oder beschichtetes Papier aus. Deren Ökobilanz ist nicht automatisch besser — Glas ist schwerer und verursacht mehr Transportemissionen, beschichtetes Papier lässt sich oft schlechter recyceln als sortenreiner Kunststoff. Chemie- und Kunststoffverbände warnen deshalb vor einer ökologischen Fehlsteuerung.
Bürokratie ohne Bagatellgrenze. Wer Verpackungsmaterial bei einem Lieferanten in einem anderen EU-Staat kauft — also auch ein Online-Händler, der Versandbeutel aus Polen bezieht —, wird selbst Steuerschuldner: mit Anzeigepflicht und monatlicher Steueranmeldung beim Zoll, ohne Mindestmenge. Handelsverband und Verpackungsindustrie haben sich Anfang Oktober deshalb ans Kanzleramt gewandt und kritisieren auch das Schnellverfahren über einen Änderungsantrag.
Dreifachbelastung. Inverkehrbringer zahlen schon Lizenzentgelte nach dem Verpackungsgesetz und teilweise Abgaben in den Einwegkunststofffonds. Die neue Steuer kommt hinzu, ohne dass die Systeme aufeinander abgestimmt sind.
Was dieser Artikel nicht sagt
Die Steuer ist keine Strafe für Verbraucher, die zu Plastik greifen: Pro Einkauf geht es um Cent-Bruchteile, und ob die Steuer überhaupt vollständig weitergegeben wird, hängt vom Wettbewerb ab. Sie ist aber auch kein reines Umweltinstrument — ihr Satz ist auf das Haushaltsziel zugeschnitten, und die Rezyklat-Lücke zeigt, dass die Lenkungswirkung im Entwurf nachrangig behandelt wurde.
Ob die Steuer am Ende weniger Plastik bewirkt, hängt vor allem an zwei Details, die noch offen sind: wann die Rezyklat-Entlastung kommt und ob der Bundestag Mehrweg ausnimmt. Mit beidem wäre sie näher am britischen Modell, ohne beides näher an einer reinen Finanzierungssteuer.
Kurz zusammengefasst
- Geplant ist eine Kunststoffverpackungsteuer von 550 € je Tonne Kunststoff, gültig für Vorgänge ab 1. Juli 2027.
- Sie soll per Änderungsantrag ins Haushaltsbegleitgesetz 2027 — noch nicht beschlossen.
- Steuerschuldner sind Hersteller, Importeure und EU-Bezieher von Verpackungen, erhoben vom Zoll; Verbraucher zahlen indirekt über die Preise.
- Erwartetes Aufkommen: 805 Mio. € im zweiten Halbjahr 2027, danach rund 1,5 Mrd. € jährlich — rund 18 € pro Einwohner.
- Hintergrund ist die EU-Plastikabgabe (0,80 €/kg nicht recycelter Abfall), die Deutschland seit 2021 mit rund 1,4 Mrd. € jährlich aus dem Haushalt zahlt.
- Pro Verpackung geht es um Bruchteile von Cent bis wenige Cent (PET-Flasche 1,5 l: ca. 1,7 ct).
- Kritik: Rezyklat-Entlastung ohne Starttermin, Mehrweg nicht ausgenommen, Ausweichen auf Materialien mit schlechterer Ökobilanz, Bürokratie ohne Bagatellgrenze.
Quellen: Haufe: Steuer auf Plastikverpackungen · Haufe Sustainability: Was bedeutet die geplante Plastiksteuer · EUWID Recycling: Plastiksteuer 550 € je Tonne, auch Mehrweg wäre betroffen (05.10.2026) · Kleeberg: Gesetzentwurf zur Kunststoffsteuer (13.10.2026) · Ecovis: Plastiksteuer 2027 · Tagesspiegel: Regierung will Plastiksteuer zum 1. Juli 2027 einführen · 320°: Recycler halten die Plastiksteuer für den falschen Hebel · EU-Kommission: Eigenmittel auf Basis nicht recycelter Kunststoffverpackungsabfälle · Petainer: European Plastic Packaging Taxes 2026 (Ländervergleich). Rechenbeispiele pro Verpackung: eigene Berechnung mit typischen Gewichten.
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