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Steuerpolitik & Analyse

Die Laffer-Kurve: Ab wann bringen höhere Steuern weniger Geld?

Auf einer Serviette skizziert, weltweit zitiert, regelmäßig missverstanden: Die Laffer-Kurve besagt, dass es einen Steuersatz gibt, oberhalb dessen das Aufkommen wieder sinkt. Was daran unstrittig ist, wo Ökonomen den Scheitelpunkt vermuten, warum die Antwort für Arbeit und Kapital unterschiedlich ausfällt – und weshalb die Kurve weder für noch gegen höhere Steuern taugt.

20. August 2026·24 Min. Lesezeit·vollbesteuert RedaktionStand: 20. August 2026
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Kaum ein wirtschaftspolitisches Schaubild hat es zu vergleichbarer Berühmtheit gebracht – und kaum eines wird so oft für Aussagen herangezogen, die es gar nicht trägt. Die Laffer-Kurve taucht in jeder Debatte über Steuersenkungen auf, meist verkürzt auf den Satz: „Niedrigere Steuern bringen dem Staat am Ende mehr Geld."

Das ist die eine mögliche Lesart. Sie gilt allerdings nur unter einer Bedingung, die in der Debatte fast immer unausgesprochen bleibt – und die sich empirisch prüfen lässt. Dieser Artikel trennt deshalb sauber: Was an der Kurve unstrittig ist, was tatsächlich umstritten ist, und was die Daten für Deutschland sagen.

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Dieser Artikel bewertet keine Steuerpolitik. Die Laffer-Kurve wird sowohl von Befürwortern als auch von Gegnern von Steuersenkungen zitiert – beide berufen sich auf dieselbe Grundidee und kommen zu gegensätzlichen Schlüssen, weil sie den aktuellen Standort auf der Kurve unterschiedlich einschätzen. Wir nennen die Schätzungen, ihre Bandbreiten und ihre Grenzen.

Die Serviette von 1974

Die Entstehungsgeschichte ist ungewöhnlich gut dokumentiert. Im Dezember 1974 saß der Ökonom Arthur B. Laffer in Washington beim Abendessen mit drei Gesprächspartnern: Donald Rumsfeld (Stabschef im Weißen Haus unter Gerald Ford), dessen Stellvertreter Dick Cheney und dem Journalisten Jude Wanniski vom Wall Street Journal.

Es ging um Fords Plan, zur Inflationsbekämpfung die Steuern zu erhöhen. Laffer skizzierte auf einer Stoffserviette den Zusammenhang zwischen Steuersatz und Steueraufkommen – jene Kurve, die Wanniski später auf den Namen ihres Zeichners taufte und in Artikeln bekannt machte. Die Serviette liegt heute im National Museum of American History in Washington.

Laffer selbst hat die Idee nie für sich reklamiert

Ein Detail, das in der Debatte oft untergeht: Arthur Laffer hat stets betont, den Gedanken nicht erfunden zu haben. Er verwies auf den arabischen Gelehrten Ibn Chaldūn, der bereits im 14. Jahrhundert schrieb, dass zu hohe Abgaben die Wirtschaftsleistung und damit am Ende die Einnahmen des Herrschers untergraben – und auf John Maynard Keynes, der denselben Zusammenhang formulierte.

Laffer erinnerte sich später zudem nur noch vage an das Abendessen. Auch die Überlieferung selbst ist unscharf: Das Ausstellungsstück im Museum trägt das Datum 13. September 1974, während das Treffen üblicherweise auf Dezember 1974 datiert wird – die Serviette im Museum ist also womöglich nicht die des Abends.

Die Kurve ist damit weder eine Erfindung der 1970er-Jahre noch das Ergebnis eines wirtschaftspolitischen Programms – sie ist eine sehr alte Beobachtung mit einem neuen Namen und einer guten Geschichte.

Die Grundidee – und warum sie unstrittig ist

Die Kurve beruht auf zwei Randpunkten, über die kein Streit besteht:

  • Steuersatz 0 %: Der Staat nimmt nichts ein. Trivialerweise null.
  • Steuersatz 100 %: Der Staat nimmt ebenfalls nichts ein. Wer alles abgeben muss, hat keinen Grund, die besteuerte Tätigkeit auszuüben oder sie überhaupt anzuzeigen.

Wenn das Aufkommen an beiden Enden null ist, dazwischen aber positiv, muss es irgendwo dazwischen ein Maximum geben. Das ist keine wirtschaftspolitische These, sondern eine mathematische Selbstverständlichkeit.

SteuersatzAufkommen (schematisch)Bereich
0 %0
niedrigsteigt starklinks vom Scheitel: Erhöhung bringt mehr
mittel/hochsteigt schwächernähert sich dem Maximum
ScheitelpunktMaximumErhöhung bringt nichts mehr
sehr hochsinktrechts vom Scheitel: Senkung bringt mehr
100 %0

Schematische Darstellung. Die tatsächliche Form ist weder symmetrisch noch für alle Steuerarten gleich.

Der Mechanismus dahinter besteht aus zwei gegenläufigen Effekten. Steigt der Steuersatz, wirkt zunächst der mechanische Effekt: Von derselben Bemessungsgrundlage bleibt mehr beim Staat. Gleichzeitig wirkt der Verhaltenseffekt: Die Bemessungsgrundlage selbst schrumpft, weil Menschen weniger arbeiten, weniger investieren, Gestaltungsspielräume nutzen, Einkünfte verlagern oder sie schlicht nicht mehr erklären. Solange der mechanische Effekt überwiegt, steigt das Aufkommen. Kippt das Verhältnis, sinkt es.

Was die Kurve nicht sagt

Hier liegt der Kern fast aller Missverständnisse. Aus der bloßen Existenz eines Maximums folgt nicht:

  • dass Steuersenkungen sich selbst finanzieren. Das gilt ausschließlich rechts vom Scheitelpunkt. Links davon senkt eine Steuersenkung das Aufkommen – wie jede Intuition es erwarten würde.
  • dass der Scheitelpunkt niedrig liegt. Die Kurve sagt über seine Lage überhaupt nichts. Sie ist mit einem Maximum bei 30 % genauso vereinbar wie mit einem bei 80 %.
  • dass der Scheitelpunkt anzustreben wäre. Er markiert das maximale Aufkommen, nicht das gesellschaftliche Optimum. Ein Staat am Scheitelpunkt holt das Maximum heraus, richtet aber möglicherweise erhebliche wirtschaftliche Schäden an, ohne dafür mehr einzunehmen.
  • dass es eine Kurve gibt. Jede Steuerart, jedes Land und jeder Zeithorizont hat eine eigene.

Die entscheidende Frage ist nicht ob, sondern wo

Die Existenz der Kurve wird von praktisch keinem Ökonomen bestritten – auch nicht von denen, die Steuersenkungen ablehnen. Umgekehrt bestreitet kaum jemand, dass es Steuersätze gibt, bei denen sich Mehrarbeit schlicht nicht mehr lohnt.

Der gesamte inhaltliche Streit betrifft eine einzige empirische Frage: Wo genau liegt der Scheitelpunkt – und auf welcher Seite davon befinden wir uns gerade? Diese Frage lässt sich nicht am Reißbrett beantworten, sondern nur mit Daten.

Wie Ökonomen den Scheitelpunkt schätzen

Der Schlüsselwert heißt Elastizität des zu versteuernden Einkommens (ETI). Sie misst, um wie viel Prozent die versteuerte Bemessungsgrundlage schrumpft, wenn der Nettoertrag um ein Prozent sinkt. In der einfachsten Form gilt für den aufkommensmaximierenden Satz:

τ* = 1 / (1 + a · e)

mit e = Elastizität des zu versteuernden Einkommens und a = Pareto-Parameter der Einkommensverteilung an der Spitze

Zwei Klarstellungen dazu, weil die Formel oft zu weit gelesen wird:

τ* ist kein Durchschnittssatz. Die Formel liefert den Grenzsteuersatz auf das oberste Perzentil – also den Satz auf den letzten verdienten Euro der Spitzenverdiener, nicht die Belastung des gesamten Einkommens und erst recht nicht die aller Steuerpflichtigen.

Der Pareto-Parameter wirkt gegenläufig zur Intuition. Ein höheres a bedeutet einen dünneren Rand der Verteilung – oben ist also weniger Einkommen versammelt. Wo wenig zu holen ist, bringt ein höherer Satz wenig, und der aufkommensmaximierende Satz sinkt entsprechend:

Pareto-Parameter aVerteilung an der Spitzeτ* (bei e = 0,25)
1,5 (Wert bei Diamond/Saez)dicker Rand, viel Spitzeneinkommen~73 %
3,0dünner Rand, wenig Spitzeneinkommen~57 %

Für die Elastizität gilt die Logik dagegen wie erwartet: Je stärker Menschen auf Steuern reagieren (großes e), desto niedriger liegt der Scheitelpunkt.

Die zentralen Schätzungen

StudieRaumAufkommensmaximierender Spitzensatz
Diamond/Saez (2011)USA~73 % (bei ETI 0,25; inkl. Sozialabgaben und Konsumsteuern)
Bach/Corneo/Steiner (2012)Deutschland~67 % für Einkommen über 350.000 € (Paare: 700.000 €)

Auch diese beiden Zahlen sind nicht direkt vergleichbar: Diamond/Saez rechnen Sozialabgaben und Konsumsteuern in ihren Satz hinein, Bach/Corneo/Steiner beziehen sich auf den reinen Einkommensteuertarif. Der deutsche Wert ist damit der engere – und der, den man dem deutschen Spitzensteuersatz gegenüberstellen darf.

Genau das ergibt: Mit 42 % bzw. 45 % („Reichensteuer") befindet sich Deutschland nach dieser Schätzung klar links vom Scheitelpunkt – eine Erhöhung des Spitzensatzes brächte demnach zusätzliche Einnahmen, eine Senkung würde Einnahmen kosten.

Die Laffer-Kurve – und wo Deutschland darauf steht · seitlich scrollbar

Laffer-Kurve mit dem für Deutschland geschätzten ScheitelpunktDas Steueraufkommen steigt vom Steuersatz null an zunächst, erreicht bei rund 67 Prozent ein Maximum und fällt danach wieder auf null bei 100 Prozent. Der deutsche Spitzensteuersatz von 42 bis 45 Prozent liegt deutlich links des Maximums – in dem Bereich, in dem eine Erhöhung noch Mehreinnahmen bringt.Erhöhung bringt MehreinnahmenSenkung bringt Mehreinnahmen0SteueraufkommenSteuersatz100 %42–45 %Deutschland heute≈ 67 %geschätzter Scheitelpunkt
Schematische Darstellung: Belegt ist die Lage des Scheitelpunkts (Bach/Corneo/Steiner 2012: rund 67 % für Einkommen über 350.000 €), nicht die genaue Form der Kurve. Die Schätzung hängt stark von der angenommenen Elastizität ab – siehe Hinweis im Text. Für die Kapitalbesteuerung verläuft die Kurve anders: Dort steht Europa laut Trabandt/Uhlig nahezu auf dem Scheitel.
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Diese Schätzungen sind hochgradig sensibel gegenüber der angenommenen Elastizität, und die ist empirisch schwer zu bestimmen. Bei Diamond/Saez ergibt eine Elastizität von 0,2 einen Wert von 69 %, eine von 0,3 dagegen nur noch 60 %. Kritiker (etwa das Cato Institute) halten die verwendeten Elastizitäten für zu niedrig und kommen entsprechend auf deutlich niedrigere Scheitelpunkte. Wer die Zahlen 73 % oder 67 % zitiert, sollte die Bandbreite mitzitieren – es sind Modellergebnisse unter Annahmen, keine gemessenen Naturkonstanten.

Arbeit und Kapital liegen nicht an derselben Stelle

Die aufschlussreichste Arbeit für den europäischen Raum stammt von Mathias Trabandt und Harald Uhlig („The Laffer Curve Revisited", Journal of Monetary Economics 2011). Sie berechnen getrennte Kurven für Arbeits- und Kapitaleinkommen und vergleichen die USA mit den EU-14-Staaten.

Entscheidend ist dabei, was sie messen: Ihr „Arbeitsteuersatz" ist kein Einkommensteuersatz, sondern die Gesamtbelastung des Faktors Arbeit – Lohn- und Einkommensteuer plus sämtliche Sozialbeiträge, einschließlich des Arbeitgeberanteils, bezogen auf das gesamte Arbeitseinkommen der Volkswirtschaft. Erfasst wird damit alles, was zwischen den Kosten eines Arbeitsplatzes und dem Nettolohn liegt – aber als gesamtwirtschaftlicher Durchschnitt, nicht für einen Einzelfall.

Dasselbe gilt für die Kapitalseite: Gemessen wird nicht ein gesetzlicher Steuersatz, sondern die gesamte Belastung des Kapitaleinkommens.

RaumGesamtbelastung der ArbeitGesamtbelastung des Kapitals
Deutschland41 %23 %
EU-1441 %33 %
USA28 %36 %
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Diese Werte sind keine Steuersätze und dürfen nicht mit solchen verglichen werden. Trabandt und Uhlig folgen der Methode von Mendoza/Razin/Tesar und berechnen die Kapitalbelastung als Quotient:

(Einkommensteuer auf Unternehmer- und Vermögenseinkommen + Körperschaftsteuer + Grundsteuern + Steuern auf Vermögensübertragungen) ÷ gesamter Betriebsüberschuss der Volkswirtschaft

Ein Beispiel für den Unterschied: Dänemark besteuert Aktieneinkünfte gesetzlich mit 27 % (2026 bis 79.400 DKK) bzw. 42 % darüber. In der Tabelle steht für Dänemark trotzdem 51 % – weil dort Körperschaftsteuer, Grundsteuern und Transaktionsteuern mit eingerechnet und auf eine andere Bezugsgröße bezogen werden. Beide Zahlen sind richtig; sie messen Verschiedenes.

Für Deutschland gilt dasselbe: Die 23 % in der Tabelle sind nicht die Abgeltungsteuer von 25 %, sondern ein Makro-Durchschnitt über alle Kapitaleinkommen einschließlich Körperschaft- und Grundsteuer.

Wie viel Spielraum noch besteht

RaumMehreinnahmen möglich bei Arbeitsbesteuerungbei Kapitalbesteuerung
USA+ 30 %+ 6 %
EU-14 (inkl. Deutschland)+ 8 %+ 1 %

Gelesen wird das so: Alle Werte sind positiv – auch Europa steht also noch links vom Scheitelpunkt, höhere Steuern brächten weiter mehr Geld. Aber der Abstand zum Maximum ist erheblich kleiner als in den USA. Bei der Kapitalbesteuerung ist er mit einem Prozent praktisch aufgebraucht: Europa steht dort nahezu auf dem Scheitel.

Gesamtbelastung von Arbeit – Steuern plus Sozialbeiträge · seitlich scrollbar

Laffer-Kurve für die Gesamtbelastung von Arbeitseinkommen einschließlich SozialbeiträgenWird die gesamte Belastung von Arbeit betrachtet – Steuern plus Sozialbeiträge einschließlich des Arbeitgeberanteils – liegt Deutschland bei rund 41 Prozent, die USA bei 28 Prozent. Das Maximum der Kurve liegt bei rund 63 Prozent. Deutschland steht damit weiterhin links des Maximums, aber deutlich näher daran als die USA: Europa könnte das Aufkommen nur noch um 8 Prozent steigern, die USA um 30 Prozent.Erhöhung bringt MehreinnahmenSenkung bringt Mehreinnahmen0Steueraufkommen100 %Gesamtbelastung der Arbeit28 %USA41 %Deutschland≈ 63 %ScheitelpunktBis zum Scheitel noch möglich:USA + 30 %Deutschland + 8 %
Grundlage: Trabandt/Uhlig (2011), effektiver Arbeitsteuersatz aus den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen – er enthält Lohn- und Einkommensteuer und sämtliche Sozialbeiträge, auch den Arbeitgeberanteil. Kalibrierung auf Daten bis 2007 – also vor Informationsaustausch (2017) und globaler Mindeststeuer (2024), die den Scheitelpunkt seither eher gehoben haben dürften.
Nicht mit den anderen Prozentzahlen verwechseln: Die 42–45 % der ersten Grafik sind der Grenzsatz auf Spitzeneinkommen ohne Sozialbeiträge; die 49,3 % OECD-Abgabenkeil gelten für einen Alleinstehenden mit Durchschnittslohn. Die 41 % hier sind ein Durchschnitt über alle Arbeitseinkommen – drei verschiedene Maße, die sich nicht ineinander umrechnen lassen.

Diese zweite Kurve erklärt, warum sich die amerikanische Steuerdebatte so schlecht nach Europa übertragen lässt. Mit 28 % Gesamtbelastung stehen die USA weit links; dort ist die Frage „Wie viel Spielraum haben wir noch?" tatsächlich offen. Deutschland liegt mit 41 % erkennbar näher am Scheitel – der Spielraum ist da, aber er ist schmal.

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Drei Prozentzahlen, drei verschiedene Bedeutungen – sie sehen ähnlich aus und werden regelmäßig gegeneinander ausgespielt:

ZahlWas sie misst
42–45 %Der Grenzsteuersatz auf den letzten Euro eines Spitzenverdieners. Enthält keine Sozialbeiträge – oberhalb der Beitragsbemessungsgrenzen fallen dort keine mehr an.
41 %Der Durchschnitt über alle Arbeitseinkommen, inklusive sämtlicher Sozialbeiträge. Enthält auch Teilzeit- und Geringverdiener, die kaum Steuern zahlen.
49,3 %Der OECD-Abgabenkeil für einen Alleinstehenden mit Durchschnittslohn ohne Kinder – ein konstruierter Musterfall, kein Mittelwert der Bevölkerung.

Keine der drei Zahlen lässt sich in eine andere umrechnen. Wer sie vermischt, kann fast jede beliebige These stützen.

Der Selbstfinanzierungsgrad

Praktisch nützlicher als der Scheitelpunkt ist die Frage, welcher Anteil einer Steuersenkung sich durch das ausgelöste Wachstum selbst trägt. Trabandt und Uhlig kommen für die EU-14 auf:

  • 54 % einer Senkung der Arbeitsbesteuerung finanzieren sich selbst
  • 79 % einer Senkung der Kapitalbesteuerung finanzieren sich selbst

Warum das der Kern der Sache ist

Diese Zahlen sind ein gutes Beispiel dafür, dass die Debatte selten „richtig gegen falsch" ist, sondern meist „mehr als null, aber weniger als hundert".

Für Befürworter von Steuersenkungen spricht: Der Selbstfinanzierungsgrad ist erheblich. Eine Senkung der Kapitalbesteuerung kostet den Staat netto nur rund ein Fünftel dessen, was die reine Rechnung ohne Verhaltensänderung ergäbe.

Für Gegner spricht: Selbst 79 % sind nicht 100 %. Auch die kapitalfreundlichste dieser Schätzungen sagt, dass eine Steuersenkung Geld kostet – sie kostet nur weniger als naiv angenommen. Der Satz „Steuersenkungen finanzieren sich selbst" wird durch diese Zahlen nicht gestützt, sondern widerlegt.

Beides steht in derselben Studie. Welche Hälfte zitiert wird, ist meist eine politische Entscheidung.

Dänemark und Schweden: der Fall, den es sonst kaum gibt

Der Selbstfinanzierungsgrad liefert nebenbei ein präzises Kriterium für die Frage, auf welcher Seite ein Land steht. Das Paper formuliert es so: Am Scheitelpunkt ändert eine Steuersenkung das Aufkommen gar nicht mehr – der Grad beträgt dann genau 100 %. Liegt er über 100 %, ist man jenseits des Scheitels.

Genau das trifft in der Untersuchung auf drei Länder zu – und zwar ausschließlich bei der Kapitalbesteuerung:

LandGesamtbelastung des KapitalsSelbstfinanzierungsgradLage
Dänemark51 %137 %rechts vom Scheitel
Schweden41 %109 %rechts vom Scheitel
Belgien42 %103 %rechts vom Scheitel
EU-1433 %79 %links
Deutschland23 %70 %links
USA36 %51 %links

Zur Erinnerung: Die Spalte zeigt die oben erläuterte Makro-Belastung einschließlich Körperschaft- und Grundsteuern, nicht den gesetzlichen Steuersatz auf Kapitalerträge.

Für Dänemark, Schweden und Belgien folgt daraus die Aussage, die man sonst fast nie belegen kann: Diese Länder könnten ihre Haushaltslage nach diesen Berechnungen durch eine Senkung der Kapitalsteuern verbessern. Die Autoren nennen das die „slippery side" der Kurve.

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Zwei Einschränkungen, die diesen Befund nicht entwerten, aber begrenzen:

Erstens ist die Höhe der Belastung allein nicht ausschlaggebend. Die USA kommen bei Kapital auf 36 % und liegen damit deutlich über Deutschland (23 %) – stehen mit 51 % Selbstfinanzierung aber weiter vom Scheitel entfernt als Deutschland mit 70 %. Die Position auf der Kurve hängt vom gesamten Steuersystem, vom Kapitalstock und vom Verhalten ab, nicht von einer einzelnen Zahl. Eine hohe Belastung bedeutet nicht automatisch Nähe zum Scheitel.

Zweitens gilt der Befund für Kapital, nicht für Arbeit. Bei der Arbeitsbesteuerung steht auch Schweden – trotz der höchsten Gesamtbelastung im Vergleich (56 %) – noch links vom Scheitel. Wer die dänische Zahl als Beleg dafür zitiert, „Steuersenkungen finanzierten sich selbst", überträgt sie auf eine Steuerart, für die sie nicht gilt.

Der Grund für den Unterschied zwischen Arbeit und Kapital ist Mobilität. Ein Arbeitnehmer wechselt wegen eines höheren Steuersatzes selten das Land; ein Wertpapierdepot ist in Minuten verlagert. Genau diese Überlegung stand hinter der Einführung der Abgeltungsteuer 2009 – der damalige Finanzminister Peer Steinbrück brachte sie auf die bekannte Formel, 25 % auf einen Betrag seien besser als 42 % auf nichts. Das ist ein Laffer-Argument in Reinform.

Zwei Arten von Ausweichen – und nur eine ist unvermeidlich

Damit ist allerdings noch nicht gesagt, dass die Elastizität eine feste Größe wäre. Die Finanzwissenschaft unterscheidet seit langem zwei Reaktionstypen, die in den Schätzungen zusammenfallen, aber politisch völlig verschieden zu behandeln sind (grundlegend Saez, Slemrod und Giertz, Journal of Economic Literature 2012):

ReaktionstypBeispielePolitisch beeinflussbar?
Reale Verhaltensänderungweniger Stunden arbeiten, früher in Rente gehen, ein Unternehmen nicht gründen, eine Investition unterlassenkaum – sie folgt unmittelbar aus der Steuer selbst
Steuergestalterische AusweichungEinkünfte in eine Holding verlagern, Betriebsausgaben vorziehen, Arbeits- in Kapitaleinkommen umqualifizieren, Erträge gar nicht erklärenja – über Schlupflöcher, Bemessungsgrundlagen und Vollzug

Der Unterschied ist für die Laffer-Kurve zentral. Nur der erste Typ ist ein unvermeidlicher Preis der Besteuerung – wer wegen hoher Grenzsteuersätze weniger arbeitet, tut das unabhängig davon, wie gut das Steuerrecht gemacht ist. Der zweite Typ ist dagegen keine Eigenschaft der Steuer, sondern eine Eigenschaft des Steuerrechts. Wo er zurückgedrängt wird, sinkt die gemessene Elastizität – und der Scheitelpunkt wandert nach oben, ohne dass ein einziger Steuersatz geändert wird.

Dass das kein theoretischer Gedanke ist, zeigt gerade die Kapitalbesteuerung. Ein erheblicher Teil der historischen Reaktion auf hohe Kapitalsteuern bestand nicht aus geringerer Investition, sondern schlicht aus Steuerhinterziehung – also aus der zweiten Kategorie. Zwei Entwicklungen haben diesen Spielraum seither verengt:

  • Automatischer Informationsaustausch (CRS), seit 2017: Das Bankgeheimnis als Ausweichoption ist damit weitgehend entfallen.
  • Globale Mindeststeuer (Pillar Two), seit 2024: Ein Mindestsatz von 15 % für große Konzerne begrenzt die Gewinnverlagerung in Niedrigsteuerstaaten. Rund 60 Staaten wenden die Regeln inzwischen an oder führen sie ein – die USA allerdings nicht, was die Wirkung dämpft.

Beide Maßnahmen senken die Kapitalelastizität und heben damit rechnerisch den Scheitelpunkt. Die Trabandt/Uhlig-Werte bilden das nicht ab – ihre Datenbasis reicht nur bis 2007, also vor beide Reformen. Die Größenordnungen dürften fortgelten, die Lage der Kapitalkurve eher etwas günstiger sein als dort ausgewiesen.

Was daraus folgt

Die verbreitete Redeweise, Steuersätze stießen „an eine natürliche Grenze", verkürzt den Befund. Ein Teil dieser Grenze ist tatsächlich natürlich – die realen Verhaltensreaktionen. Ein anderer Teil ist selbst gemacht und damit veränderbar: Schlupflöcher, Bewertungsspielräume, unvollständige Meldepflichten, schwacher Vollzug.

Für die Steuerpolitik ist das die praktisch wichtigste Erkenntnis dieses Artikels: Wer mehr Aufkommen will, hat neben der Satzschraube eine zweite – und diese zweite verursacht keine zusätzliche Zusatzlast, weil sie keine reale Aktivität unterdrückt, sondern nur Ausweichwege schließt.

Was die Bürger für ihre Abgaben bekommen

Ein Faktor fehlt in der verkürzten Debatte fast immer, obwohl er die Lage des Scheitelpunkts erheblich verschiebt: Wofür der Staat das Geld verwendet. Die Laffer-Kurve wird meist so diskutiert, als sei der Steuersatz die einzige Stellschraube. Tatsächlich reagieren Menschen nicht auf die Abgabe allein, sondern auf das Verhältnis von Abgabe und Gegenleistung.

Trabandt und Uhlig weisen selbst darauf hin: Ihre Berechnungen unterstellen, dass zusätzliche Einnahmen als Transfers ausgezahlt werden. Fließen sie stattdessen in staatliche Leistungen, verändert sich das Ergebnis – der Scheitelpunkt verschiebt sich nach rechts und nach oben. Der Grund ist ein Einkommenseffekt: Wer eine Leistung erhält, die er sonst selbst bezahlen müsste, reduziert seine Arbeitszeit weniger stark.

Der skandinavische Befund

Am gründlichsten untersucht hat das Henrik Kleven („How Can Scandinavians Tax So Much?", Journal of Economic Perspectives 2014). Seine Ausgangsfrage: Warum brechen Dänemark, Schweden und Norwegen trotz Abgabenquoten weit über dem OECD-Schnitt wirtschaftlich nicht ein – und liegen bei Beschäftigung und Pro-Kopf-Einkommen sogar vorn?

Er identifiziert drei Mechanismen, die alle die Elastizität senken und damit den Scheitelpunkt nach oben schieben:

MechanismusBefund
Drittübermittlung von DatenIn Dänemark unterliegen rund 95 % aller Einkünfte der automatischen Meldung durch Arbeitgeber und Banken. Dort ist Hinterziehung „praktisch null", die Gesamt-Hinterziehungsquote liegt bei 2,2 %. Bei ausschließlich selbst erklärten Einkünften – typischerweise Selbstständige – beträgt sie dagegen rund 50 %.
Breite BemessungsgrundlagenWenige Ausnahmen und Abzugsmöglichkeiten lassen kaum Gestaltungsspielraum.
Subventionierung arbeitskomplementärer GüterKinderbetreuung, Altenpflege, Bildung, Nahverkehr. Die skandinavischen Länder geben dafür rund 6 % des gesamten Arbeitseinkommens aus – mehr als jedes andere Land.

Der dritte Punkt ist der für diese Frage entscheidende. Öffentliche Kinderbetreuung senkt die Kosten der Erwerbstätigkeit – sie wirkt ökonomisch wie eine Subvention auf Arbeit und hebt damit einen Teil der Bremswirkung der Steuer wieder auf. Weil Betreuungsangebote gezielt Gruppen mit der höchsten Reaktionsstärke erreichen (vor allem Mütter kleiner Kinder), ist der Effekt auf die Beschäftigung überproportional.

Warum dieser Befund in beide Richtungen schneidet

Der Zusammenhang lässt sich nicht als Argument für höhere Steuern lesen – und ebenso wenig dagegen. Er sagt etwas über die Bedingungen:

Erstens: Eine Abgabenerhöhung, deren Gegenwert für die Zahlenden erkennbar ist, kostet weniger Basis als eine ohne. Wer zusätzliche Beiträge zahlt und dafür einen Betreuungsplatz, funktionierende Infrastruktur oder kürzere Behördenwege bekommt, weicht seltener aus.

Zweitens – und das ist die Kehrseite: Eine Erhöhung ohne verbesserte Gegenleistung wirkt genau umgekehrt. Sie erhöht die Elastizität, verschiebt den Scheitelpunkt nach unten und macht künftige Erhöhungen teurer. Ein Land kann seinen eigenen Spielraum also verspielen, indem es Mittel einnimmt, ohne dass daraus sichtbare Leistungen werden.

Drittens ist der Vollzug Teil der Rechnung: Wo 95 % der Einkünfte automatisch gemeldet werden, ist Hinterziehung keine realistische Ausweichoption mehr. Verwaltungsqualität ist damit ein steuerpolitisches Instrument – und zwar eines, das den Scheitelpunkt hebt, ohne dass ein einziger Satz geändert wird.

Für Deutschland heißt das: Die geschätzte Lage auf der Kurve ist kein feststehender Wert, sondern hängt davon ab, was Beitrags- und Steuerzahler für ihr Geld bekommen. Der in Arbeit gegen Vermögen beschriebene Umstand, dass Sozialbeiträge in erheblichem Umfang versicherungsfremde Leistungen finanzieren – also Aufgaben ohne individuellen Gegenleistungsanspruch –, ist aus dieser Perspektive nicht nur eine Verteilungsfrage, sondern auch eine Frage der Ausweichreaktion.

Der Realitätstest: Kansas

Die Laffer-Kurve wurde selten so direkt geprüft wie im US-Bundesstaat Kansas. Gouverneur Sam Brownback – beraten unter anderem von Arthur Laffer selbst – setzte 2012 ein Programm durch, das er ausdrücklich als „real live experiment" bezeichnete:

  • Senkung des Spitzensatzes der Einkommensteuer um fast 30 %
  • Steuersatz auf bestimmte Unternehmensgewinne (Pass-Through-Einkünfte) auf null

Die erwartete Selbstfinanzierung durch Wachstum trat nicht ein:

ErgebnisBefund
Steuereinnahmenbrachen um hunderte Millionen Dollar ein
Wirtschaftswachstumdauerhaft unter dem Bundesdurchschnitt
Beschäftigungschwächer als in den Nachbarstaaten (Jan. 2014 – Apr. 2017: nur 28.000 neue Stellen)
AusgabenKürzungen bei Straßen, Brücken und Bildung

Im Juni 2017 hob die republikanisch dominierte Legislative die Steuersenkungen nahezu vollständig wieder auf – gegen das Veto des eigenen Gouverneurs, mit Zweidrittelmehrheit in beiden Kammern (Senat 27:13, Repräsentantenhaus 88:31).

Kansas gilt seither als eines der stärksten empirischen Argumente dafür, dass entwickelte Volkswirtschaften bei der Einkommensteuer links vom Scheitelpunkt stehen: Die Senkung brachte kein Wachstum, sondern ein Haushaltsloch.

Was der Fall nicht zeigt: dass Steuererhöhungen umgekehrt kostenlos wären. Er widerlegt die These „Senkungen finanzieren sich selbst" – über die sinnvolle Höhe sagt er nichts.

Die Gegenprobe: Wo die Kurve tatsächlich gebissen hat

Historisch gab es sehr wohl Sätze jenseits des Scheitels – allerdings in Größenordnungen, die heute nirgends erreicht werden:

  • Großbritannien besteuerte Kapitaleinkünfte in den 1970er-Jahren mit gesetzlich bis zu 98 %.
  • In Schweden konnte die Grenzbelastung 100 % überschreiten. Die Schriftstellerin Astrid Lindgren rechnete 1976 in ihrer Satire Pomperipossa in Monismanien öffentlich einen Grenzsteuersatz von 102 % vor – ein Beitrag, der die schwedische Steuerdebatte nachhaltig prägte.

Solche Sätze liegen mit hoher Wahrscheinlichkeit rechts vom Scheitelpunkt. Die aktuellen deutschen 42 % bzw. 45 % liegen davon weit entfernt.

Zweimal Schweden – aber nicht dasselbe

Schweden taucht in diesem Artikel an zwei Stellen auf, und die beiden Fälle sollte man nicht vermengen:

  • 1976: Grenzsteuersätze auf Arbeitseinkommen über 100 % – ein historischer Extremfall, längst korrigiert.
  • Heute: jenseits des Scheitels bei der Kapitalbesteuerung (Selbstfinanzierungsgrad 109 %), während das Land bei der Arbeitsbesteuerung trotz der höchsten Gesamtbelastung im Vergleich (56 %) weiterhin links davon steht.

Die historischen Exzesse betrafen also Arbeit, der heutige Befund betrifft Kapital. Wer beides zusammenzieht, konstruiert eine Kontinuität, die es nicht gibt.

Damit ist die zweite Frage aufgeworfen, die von der ersten streng zu trennen ist: „Steigt das Aufkommen?" und „Ist es volkswirtschaftlich klug?" sind nicht dasselbe – die Laffer-Kurve beantwortet nur die erste.

Der wichtigste Einwand gegen eine allzu bequeme Lesart des Befunds „Deutschland steht links vom Scheitelpunkt" kommt aus der Standardökonomie und ist unter Fachleuten unstrittig: Zwischen Scheitelpunkt und Steuersatz liegt die Zusatzlast (englisch deadweight loss) – der volkswirtschaftliche Schaden, der entsteht, weil Menschen wegen der Steuer Dinge unterlassen, die sie sonst getan hätten.

Diese Zusatzlast wächst überproportional, nach der Standardformel etwa quadratisch mit dem Steuersatz. Eine Erhöhung von 20 auf 25 % richtet also spürbar weniger Schaden an als eine von 45 auf 50 %. Daraus folgt:

  • Links vom Scheitel bringt eine Erhöhung zwar mehr Geld – aber jeder zusätzlich eingenommene Euro kostet die Volkswirtschaft mehr als der vorherige. Ökonomen nennen das die Grenzkosten öffentlicher Mittel.
  • Am Scheitelpunkt sind diese Kosten unendlich: Man richtet maximalen Schaden an und nimmt keinen Cent mehr ein. Der Scheitel ist deshalb kein Ziel, sondern eine Obergrenze, die man nie erreichen sollte.

Der ökonomisch sinnvolle Punkt liegt damit deutlich links des Scheitels – wo genau, hängt davon ab, wie hoch man den Nutzen der damit finanzierten Staatsleistungen veranschlagt. Genau deshalb fragt die Literatur zur optimalen Besteuerung nach dem Wohlfahrtsoptimum, nicht nach dem Aufkommensmaximum. Die Aussage „es wäre noch Luft nach oben" beschreibt also die Kasse, nicht die Volkswirtschaft.

Was folgt daraus für Deutschland?

Die Befunde ergeben ein differenziertes Bild, das sich nicht auf eine politische Richtung reduzieren lässt:

BereichLageKonsequenz
Einkommensteuer / Spitzensatzdeutlich links vom Scheitel (42/45 % gegen geschätzte ~67 %)Senkung würde Einnahmen kosten; Erhöhung brächte Mehreinnahmen
Arbeitsbesteuerung insgesamtlinks, aber mit begrenztem Abstand (+8 % laut Trabandt/Uhlig)Spielraum vorhanden, aber kleiner als in den USA
KapitalbesteuerungEU-14 nahe am Scheitel (+1 %); Deutschland selbst mit 70 % Selbstfinanzierung etwas weiter entfernt als der EU-Schnitt (79 %)Erhöhungen bringen europaweit kaum noch Mehraufkommen; für Deutschland allein ist der Spielraum etwas größer

Bemerkenswert ist, dass dieser Befund keinem der beiden Lager vollständig recht gibt. Wer mit der Laffer-Kurve gegen eine höhere Besteuerung von Arbeitseinkommen argumentiert, findet in den Daten wenig Unterstützung. Wer sie ignoriert und meint, Kapitalerträge ließen sich beliebig höher besteuern, ebenso wenig.

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Missverständnis, das dieser Artikel ausdrücklich nicht stützt: „Links vom Scheitelpunkt" bedeutet nicht, dass höhere Steuern angezeigt wären. Es bedeutet ausschließlich, dass das Aufkommen bei einer Erhöhung steigen würde. Ob das sinnvoll ist, hängt an Fragen, zu denen die Laffer-Kurve nichts sagt:

  • Wie hoch ist die Zusatzlast jedes weiteren Prozentpunkts (siehe oben)?
  • Welchen Gegenwert erhalten die Zahlenden – und wie effizient wird das Geld eingesetzt?
  • Wie verteilt sich die Last, und wer trägt sie tatsächlich?
  • Welche Rolle spielt die Höhe für Standortentscheidungen von Unternehmen und Fachkräften?

Die Kurve ist ein Instrument zur Aufkommensschätzung, kein Maßstab für gute Steuerpolitik. Wer sie in die eine oder andere Richtung als Beleg verwendet, überdehnt sie.

Für die Frage, wie sich die Belastung zwischen Arbeit und Vermögen verteilt, liefert die Laffer-Logik ausgerechnet ein Argument gegen eine einfache Angleichung der Sätze. Der ergiebigste Ansatzpunkt liegt nach den hier referierten Befunden ohnehin nicht beim Satz, sondern bei der Elastizität selbst – also bei Vollzug, Informationsaustausch, Gestaltungsspielräumen und der Qualität dessen, was die Zahlenden zurückbekommen. Das sind Stellschrauben, die den Scheitelpunkt heben, ohne dass ein einziger Steuersatz steigen muss. Wie sich die Belastung derzeit verteilt, zeigt unser Artikel Arbeit gegen Vermögen.

Was Kritiker der Kurve einwenden

Auch jenseits der Frage nach dem Scheitelpunkt gibt es substanzielle Einwände gegen die Art, wie die Kurve verwendet wird:

  • Sie ist zu einfach für die Wirklichkeit. Reale Steuersysteme bestehen aus Dutzenden Steuerarten mit Wechselwirkungen. Eine einzelne Kurve bildet das nicht ab.
  • Der Zeithorizont bleibt offen. Kurzfristig reagieren Menschen kaum, langfristig deutlich stärker. Je nach betrachtetem Zeitraum verschiebt sich der Scheitelpunkt erheblich.
  • Aufkommensmaximierung ist kein sinnvolles Ziel – siehe den Abschnitt zur Zusatzlast oben. Die Kurve zeigt, wo am meisten hereinkommt, nicht wo es der Volkswirtschaft am besten geht.
  • Die Kurve wird symmetrisch dargestellt, ist es aber nicht. Die bekannte Glockenform mit Maximum bei 50 % ist eine Zeichenkonvention ohne empirische Grundlage – sie legt fälschlich nahe, der Scheitel liege „in der Mitte".
  • Sie sagt nichts über die Verteilung. Zwei Steuersysteme können dasselbe Aufkommen erzielen und die Last völlig unterschiedlich verteilen.

Umgekehrt richtet sich ein ebenso ernstzunehmender Einwand gegen die Kritiker: Die Existenz von Verhaltenseffekten ist unbestritten und empirisch gut belegt. Wer bei Aufkommensschätzungen unterstellt, die Bemessungsgrundlage bleibe von einer Steuererhöhung unberührt, rechnet nachweislich falsch – und zwar systematisch zu optimistisch.

Kurz zusammengefasst

  • Die Laffer-Kurve ist keine politische These, sondern eine mathematische Selbstverständlichkeit: Bei 0 % und bei 100 % ist das Aufkommen null, dazwischen liegt ein Maximum.
  • Über die Existenz des Maximums besteht kein Streit – der gesamte Konflikt betrifft seine Lage und die Frage, auf welcher Seite man steht.
  • Aus der Kurve folgt nicht, dass Steuersenkungen sich selbst finanzieren. Das gilt nur rechts vom Scheitelpunkt.
  • Schätzungen für den aufkommensmaximierenden Spitzensatz: ~73 % für die USA (Diamond/Saez), ~67 % für Deutschland (Bach/Corneo/Steiner) – beide weit über den heutigen Sätzen, aber stark abhängig von der angenommenen Elastizität.
  • Arbeit und Kapital liegen unterschiedlich: Laut Trabandt/Uhlig könnte die EU-14 das Aufkommen bei Arbeit noch um 8 %, bei Kapital nur noch um 1 % steigern – im EU-Schnitt steht Kapital wegen seiner Mobilität praktisch am Scheitel. Deutschland liegt dabei mit 70 % Selbstfinanzierung noch etwas weiter davon entfernt als der EU-Durchschnitt (79 %).
  • Misst man die Gesamtbelastung der Arbeit – Steuern plus Sozialbeiträge inklusive Arbeitgeberanteil –, liegt Deutschland bei 41 %, die USA bei 28 %, der Scheitel bei rund 63 %. Deutschland steht also weiterhin links davon, aber mit deutlich schmalerem Spielraum als die USA.
  • 42–45 %, 41 % und 49,3 % sind drei verschiedene Maße (Grenzsatz an der Spitze ohne SV / Durchschnitt über alle Arbeitseinkommen mit SV / OECD-Musterfall) und lassen sich nicht ineinander umrechnen.
  • Selbstfinanzierungsgrad in der EU-14: 54 % bei Arbeit, 79 % bei Kapital. Beides erheblich – und beides unter 100 %.
  • Der Kansas-Test (2012–2017) endete mit Einnahmeausfällen, unterdurchschnittlichem Wachstum und der Rücknahme durch die eigene Partei.
  • Sätze jenseits des Scheitels gab es historisch durchaus – Großbritannien 98 %, Schweden über 100 % –, aber in Größenordnungen, die heute nirgends gelten.
  • Dänemark (137 %), Schweden (109 %) und Belgien (103 %) stehen laut Trabandt/Uhlig heute jenseits des Scheitels – aber nur bei der Kapitalbesteuerung. Sie könnten ihren Haushalt dort durch eine Senkung verbessern. Bei der Arbeitsbesteuerung gilt das für kein einziges Land der Untersuchung.
  • Vorsicht bei den Kapitalzahlen: Sie sind Makro-Belastungsquoten (inkl. Körperschaft- und Grundsteuern), keine gesetzlichen Steuersätze. Dänemark besteuert Aktieneinkünfte gesetzlich mit 27 %/42 % – die 51 % in der Tabelle messen etwas anderes.
  • Zwei Arten von Ausweichen: Reale Reaktionen (weniger arbeiten, nicht investieren) sind der unvermeidliche Preis der Steuer. Gestalterische Reaktionen (Holding, Umqualifizierung, Nichterklärung) sind dagegen eine Eigenschaft des Steuerrechts – wer sie zurückdrängt, senkt die Elastizität und hebt den Scheitelpunkt, ohne einen Satz zu ändern, und ohne zusätzliche Zusatzlast.
  • Konkret geschehen durch den automatischen Informationsaustausch (CRS, seit 2017) und die globale Mindeststeuer von 15 % (Pillar Two, seit 2024, rund 60 Staaten – ohne die USA). Die Trabandt/Uhlig-Daten reichen nur bis 2007 und bilden beides nicht ab.
  • Der Gegenwert zählt mit. Trabandt/Uhlig: Werden Mehreinnahmen für staatliche Leistungen statt für Transfers verwendet, verschiebt sich der Scheitel nach rechts und oben. Kleven zeigt für Skandinavien, warum: rund 95 % der Einkünfte automatisch gemeldet (Hinterziehungsquote 2,2 % statt ~50 % bei Selbsterklärung), breite Bemessungsgrundlagen und rund 6 % des Arbeitseinkommens für arbeitskomplementäre Leistungen wie Kinderbetreuung. Umgekehrt gilt: Eine Erhöhung ohne erkennbaren Gegenwert erhöht die Elastizität und verkleinert den künftigen Spielraum.
  • „Links vom Scheitel" ist kein Argument für höhere Steuern. Es sagt nur, dass das Aufkommen stiege. Die Zusatzlast wächst etwa quadratisch mit dem Satz; am Scheitel sind die Grenzkosten öffentlicher Mittel unendlich. Das ökonomische Optimum liegt deutlich links davon.

Quellen und weiterführende Literatur:

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Häufige Fragen

Was besagt die Laffer-Kurve?

Sie zeigt, dass es zwischen 0 % und 100 % Steuersatz irgendwo ein Maximum des Steueraufkommens geben muss, weil das Aufkommen an beiden Enden null ist. Das ist eine mathematische Selbstverständlichkeit, kein wirtschaftspolitisches Programm – umstritten ist allein, wo genau dieses Maximum liegt.

Bedeutet die Laffer-Kurve, dass Steuersenkungen sich selbst finanzieren?

Nur rechts vom Scheitelpunkt. Links davon senkt eine Steuersenkung das Aufkommen, wie es die Intuition erwarten würde. Wo genau ein Land steht, muss empirisch geschätzt werden – die bloße Existenz der Kurve sagt darüber nichts aus.

Wo liegt Deutschland auf der Laffer-Kurve bei der Einkommensteuer?

Nach Schätzungen von Bach/Corneo/Steiner liegt der aufkommensmaximierende Spitzensteuersatz für Deutschland bei rund 67 % – deutlich über den heutigen 42–45 %. Deutschland steht damit klar links vom Scheitelpunkt, eine Erhöhung würde demnach mehr Einnahmen bringen.

Liegt Kapital oder Arbeit näher am Scheitelpunkt der Laffer-Kurve?

Kapital. Laut Trabandt/Uhlig könnte die EU-14 das Aufkommen bei Arbeit noch um 8 % steigern, bei Kapital nur noch um 1 % – wegen der höheren Mobilität von Kapital liegt Europa dort praktisch am Scheitel. Dänemark, Schweden und Belgien liegen bei der Kapitalbesteuerung sogar rechnerisch jenseits des Scheitels.

Ist 'links vom Scheitelpunkt' ein Argument für höhere Steuern?

Nein. Es bedeutet nur, dass das Aufkommen bei einer Erhöhung steigen würde. Die Zusatzlast (der volkswirtschaftliche Schaden) wächst dabei etwa quadratisch mit dem Steuersatz – das ökonomisch sinnvolle Optimum liegt deshalb deutlich links des aufkommensmaximierenden Scheitelpunkts.

Veröffentlicht am 20. August 2026 · vollbesteuert Redaktion
Zahlen und Rechtsstand zuletzt am 20. August 2026 gegen die amtlichen Quellen geprüft. Wie wir arbeiten

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